AMP - Chance oder Gefahr für das freie Internet?

von Manuel Munz | 0 | 844 Aufrufe

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AMP (Accelerated Mobile Pages) sind seit einiger Zeit ein grosses Thema bei allen, die sich mit dem Web beschäftigen. Während die Einen hier eine Möglichkeit sehen, Inhalte schneller an Mobilgeräte auszuliefern (Google selbst spricht von „near instant delivery“) und sich bessere Sichtbarkeit durch die Aufnahme in das AMP-News-Karussell versprechen, warnen Andere, dass durch AMP das freie Web in Gefahr sei.

Was ist AMP?

AMP ist ein 2015 von Google vorgestelltes Derivat von HTML, das bisher jedoch nicht vom W3C standardisiert wurde. AMP ist zwar Open Source, die Entwicklung, Ressourcen und alle Entscheidungen liegen aber grösstenteils in den Händen von Google. Im Vergleich zu vielen herkömmlichen, responsiven Webseiten wird durch eine Reduktion verfügbarer HTML- und CSS-Möglichkeiten, eigene HTML-Tags, dem Verbot von JavaScript (abgesehen vom AMP-JavaScript), cleverem Einsatz von Techniken wie Lazy Loading und Caching durch ein Google CDN in vielen Fällen ein Geschwindigkeitsvorteil beim Ausliefern der Webseite erreicht. Eine AMP-Seite sollte also schneller beim Nutzer sein. Und schnellerer Seitenaufbau heisst in der Regeln auch glücklichere Nutzer.

Kritikpunkte an AMP

Während Entscheider und Suchmaschinenoptimierer (SEOs) vor allem die Vorteile von AMP sehen - mehr Nutzer mit besserem Nutzererlebnis und damit mehr Umsatz - gibt es vor allem aus Richtung der Techniker und Entwickler auch viel Kritik an AMP:

  • Werbebanner dürfen nur von zugelassenen Vermarktern stammen. Googles Haupteinahmequelle ist nach wie vor Onlinewerbung. Es darf also daran gezweifelt werden, ob Google hier Entscheidungen wirklich selbstlos und unparteiisch treffen kann.
  • AMP Seiten werden in einem Google-eigenen CDN zwischengespeichert und von dort ausgeliefert. Damit verliert der Webseitenbetreiber viel Kontrolle über seine Seite und Nutzer.
  • AMP entstand auch als Antwort auf Facebooks „Instant Articles“ und Apples „News Format". Facebook und Apple versuchten schon vor Google's AMP zur Plattform zu werden, die Nutzer gar nicht mehr verlassen müssen, um z.B. Nachrichten zu lesen oder Videos anzusehen. Darin sehen viele die Gefahr, dass sich das WWW für einen großen Teil der Benutzer zunehmend auf ein paar wenige Plattformen verengt. Diese zunehmende Zentralisierung des ursprünglich dezentral geplanten Internets wird von vielen kritisch gesehen.
  • Der Geschwindigkeitsvorteil von AMP kommt hauptsächlich davon, dass eine Seite auf das Nötigste reduziert wird. Indem man responsive Seiten ohne „Bloat" baut, also vor allem JavaScript (-Frameworks) weglässt, erreicht man auch ohne AMP vergleichbare oder gar bessere Geschwindigkeiten. So hat z.B. Maciej Cegłowski, der Gründer von Pinboard, die AMP-Demoseite ohne Einbindung der AMP-JavaScript Bibliothek nachgebaut und erreicht damit bessere Ergebnisse als mit AMP.
  • John Gruber, der Entwickler von Markdown, kritisiert, dass AMP dem Webseitenbetreiber bzw. Entwickler viele Freiheiten nimmt (z.B. eigene Karten oder Bilderslider einzusetzen), aber auch ganz generell eine schreckliche Implementierung ist: „I’m on the record as being strongly opposed to AMP simply on the grounds of publication independence. I’d stand by that even if the implementation were great. But the implementation is not great — it’s terrible. Yes, AMP pages load fast, but you don’t need AMP for fast-loading web pages. […] It’s a deliberate effort by Google to break the open web.“ (https://daringfireball.net/linked/2017/05/20/gilbertson-amp)
  • Laut Google ist AMP selbst kein Rankingfaktor (zumindest noch nicht). Andererseits werden im News-Karussel nur AMP-Seiten angezeigt und auch in den normalen Suchergebnissen werden AMP-Seiten speziell mit einem Blitz gekennzeichnet. Man darf hier mutmaßen, dass alleine das ausreicht, um Webseitenbetreiber dazu zu bringen, ihre Seite auch als AMP auszuliefern. Man könnte sogar noch weitergehen und darin den einzigen Grund sehen, warum Webseitenbetreiber AMP möchten (statt z.B. ihre mobilen Seiten zu optimieren).
  • AMP ist in gewisser Weise eine Rückkehr zu den Zeiten, als mobile Seiten und Desktop-Seiten zwei komplett getrennte Internetauftritte waren. Eine Seite AMP-tauglich zu machen ist ein nicht unerheblicher Aufwand und muss parallel zur Desktop-Seite (und deren Mobilvarianten) gepflegt werden.
  • Es ist mit AMP nicht mehr möglich, eigene Trackingdaten zu erheben. Stattdessen muss zwingend das in AMP bereits eingebaute Google Analytics genutzt werden, das jedoch nur einen Teil der Funktionalität eigener Trackinglösungen beinhaltet.
  • Die URL von per AMP ausgelieferten Webseiten ist nicht die eigentliche URL der Seite, sondern folgt dem Schema https://www.google.com/amp/<eigentliche URL>. Das ist aus mehreren Gründen problematisch: Es verwirrt Nutzer und bereitet Probleme beim Teilen von AMP Artikeln. Auch besteht die Gefahr, dass Fake-News unter der URL von google.com verbreitet werden und damit den Anschein von Legitimität erwecken. Google hat bei den URLs zwar schon nachgebessert und zeigt nun in einem fixen Balken überhalb der Seite die eigentliche URL an, jedoch steht in der Adressleiste weiterhin die Google-URL. Eine wirklich gute UX (User Experience) ist das nicht.
  • Indem AMP-Seiten direkt aus dem Google CDN abgerufen werden statt wie bisher üblich direkt von den jeweiligen Webservern entstehen Datenschutzprobleme, da dadurch alle Verbindungsdaten mobiler Nutzer bei Google landen. Wer ohnehin schon Analytics oder andere Ressourcen von Google lädt dem mag das egal sein - wer darauf aber bewusst verzichtet muss konsequenterweise auch von AMP Abstand nehmen.

Was also tun?

AMP einsetzen oder eher nicht? Die zahlreichen Kritiker an AMP haben viele valide Punkte vorzubringen, warum AMP schlecht für ein dezentrales, freies Web ist oder sehen sogar die Gefahr, dass AMP das Web tötet: „Kill Google AMP before it KILLS the web“ ertönt es aus vielen Ecken des Internets von besorgten Digital Natives.

Andererseits sehen Marketer und SEOs große Chancen in AMP um Reichweite und Umsatz zu steigern. Am Ende wird man Chancen und Risiken bewerten müssen und im Einzelfall entscheiden, ob man all die Nachteile von AMP in Kauf nimmt, um den Umsatz zu steigern (und damit indirekt zur Verbreitung einer potenziell schädlichen Technik beiträgt).

Vor allem für Nachrichtenseiten gibt es gute Gründe AMP-Seiten auszuliefern, um durch die Anzeige im News-Karussell die Reichweite zu steigern. Das entbehrt jedoch nicht einer gewissen Ironie: Die selben Verlagshäuser, die sich gegen die Aneignung ihrer Artikel durch news.google.com sträuben, wollen ihre Inhalte nun exklusiv über Google ausliefern lassen.

Man sollte AMP vielleicht einfach als das sehen, was es ist: ein weiterer Distributionskanal. Wenn man seine News ohnehin schon über Facebook’s Instant Articles, Apples „News Format“, Twitter oder sonstige Kanäle ausliefert, dann kann Google’s AMP ein weiterer Kanal sein, um dem „Go where the users are“-Mantra zu folgen und weitere Nutzer zu erreichen.

Über den Autor: Manuel Munz
Macht so Sachen mit Internet und Content Management Systemen.
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