Typografie: 12 wichtige Grundlagen für den richtigen Einsatz von Schriften - Teil 2

von Thomas Soyter | 1 | 0 Kommentare | 140919 Aufrufe

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Grundregeln für gute Typografie - Teil 2

Im ersten Teil unserer Artikelserie zum Thema Grundlagen der Typografie hatten wir vermehrt ein Augenmerk auf mikrotypografische Aspekte gelegt. Im zweiten Teil der Serie möchten wir uns dagegen schwerpunktmäßig auf die Wahl der Schriftart, Schriftgröße und Schriftmischung konzentrieren.

8. Die richtige Anzahl an Schriftarten - Weniger ist mehr

Grundsätzlich wird die Anzahl der Schriftarten bei den allermeisten professionellen Projekten auf 2 bis 3 verschiedene Schriftarten festgesetzt. In seltenen Fällen werden auch 4 verwendet - dies ist allerdings die Ausnahme und wird meist nur beim Zeitungssatz praktiziert.

Das der einfache Grundsatz sich bei der Menge der verwendeten verschiedenen Schriftarten innerhalb eines Printerzeugnisses oder einer Website möglichst zurückzunehmen von vielen ignoriert wird, zeigen unzählige schlechte Beispiele. Werden exzessiv mehrere verschiedene Schriftarten verwendet, wirkt das Layout sehr schnell unübersichtlich und aufdringlich für den Betrachter.

In manchen Fällen ist das auch bewusst gewollt, aber in den meisten Fällen eher das Produkt schlechter Gestaltung. Unzählige Quellen und Möglichkeiten (kostenlose) Schriften über das Internet zu beziehen, verführen darüber hinaus oftmals auch zur übertriebenen Verwendung verschiedenster Schriftarten.

Hilfreiche Hinweise:

  • Für die meisten Anforderungen genügen 2 bzw. höchstens 3 verschiedene Schriftarten
  • Mehr Schriftarten sollten nur dann genutzt werden, wenn man damit ein klares Ziel verfolgt (beispielsweise bei Partyflyern oder im Zeitungssatz)
  • Anstatt mittels Schriftarten die Textauszeichnung zu gestalten, sollte man dies stattdessen durch Schriftauszeichnungen innerhalb der selben Schriftart machen (siehe Punkt 12).

9. Schriften kombinieren - die richtige Mischung macht's

Ähnlich wie bei der Wahl der Anzahl der eingesetzten Schriftarten, stellt auch die richtige Schriftmischung einen wichtigen Aspekt innerhalb der Typografie dar. Dabei sollten abgesehen von kreativen und ästhetischen vor allem auch didaktische Ziele verfolgt werden. Eine gute Schriftmischung einer Schriftsatzarbeit gliedert demnach vor allem systematisch den entsprechenden Text und erhöht somit für den Betrachter möglichst die Verständlichkeit.

Schriftmischungen fördern somit grundsätzlich die Lesemotivation und ermöglichen ein schnelles Auffinden bestimmter Inhalte bzw. ein rascheres Querlesen. Deshalb stellt die Schriftmischung einen wichtigen Parameter dar, um schwierige und komplexe Inhalte schnell und erfolgreich zu vermitteln.

Die Möglichkeiten der Schriftmischung sind im Gegensatz zum Print, im Bereich der Web- und Screen-Typografie bisher jedoch sehr beschränkt. Grund sind technologische Defizite und juristische Aspekte, die jedoch in absehbarer Zeit sicherlich angeglichen werden.

Die Flut an Schriftarten im Internet und Büchern ist riesig, dem zufolge wird es einem auch nicht leicht gemacht die richtigen und vor allem passende Kombination an Schriftarten für sein Projekt zu finden. Deshalb ist es für eine gute Schriftmischung wichtig zu wissen, welche Schriftklassifikationen es gibt und welche dabei miteinander harmonieren und welche nicht.

Als Faustregel gilt: Zwei verschiedene und wünschenswerterweise zusammenpassende Schriftarten reichen meist aus, um einen Text übersichtlich gliedern zu können.

Grundlegende Hinweise zur Schriftmischung:

Gut mischbar sind:

  • Runde und gebrochene Schriften einer Stilepoche
  • Schriften aus einer Schriftfamilie
  • Englische Schreibschrift und Klassizistische-Antiqua
  • Serifenlose und Serifenschriften
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Beispiel einer gelungenen Schriftmischung

Nicht gemischt werden sollten:

  • Klassizistische mit Renaissance-Antiqua Schriften
  • Frakturschriften untereinander
  • Englische Schreibschriften mit den Barock-Antiqua Schriften
  • Klassizistische Schriften untereinander
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Beispiel schlechter Schriftmischung

Zu unterscheiden sind weiterhin verschiedene Arten der Schriftmischung.

  • Die Selektive Schriftmischung

Dabei werden unterschiedliche Schriftarten, Schriftgattungen und/oder Schriftstile innerhalb eines Textes gemeinsam integriert. Ziel ist es dabei beispielsweise neu Hinzugefügtes oder Zitate in Form einer anderen Schriftart (z.B. als normale Schrift wird eine Antiqua-Schrift verwendet und als Auszeichnungsschrift eine Grotesk im fetten Stil) hervorzuheben. Diese Art der Schriftmischung findet bevorzugt bei wissenschaftlichen Publikationen, Geschäftsberichten oder Unternehmensdarstellungen statt.

  • Die integrale Schriftmischung

Ihre Aufgabe ist es eine Schriftsatzarbeit hierarchisch und einheitlich in verschiedene Bereiche, wie Grundschrift, Headlines, Sublines, Bildunterschriften, Marginalien, etc. aufzuteilen. Integrale Schriftmischung wird vor allem in der Zeitungs-, Magazin- und Webtypografie eingesetzt.

  • Lyrische Schriftmischung

Diese Art der Schriftmischung zeichnet sich durch seinen kreativen und individuellen Ansatz aus und wird deshalb schwerpunktmäßig in der Werbe-, Kunst- und Gebrauchstypografie verwendet.

10. Schriften erzählen Geschichten - Die Richtige

Die Optik einer Schriftart repräsentiert meist eine bestimmte Epoche, Stilrichtung oder ein bekanntes Image. Viele Schriften wurden für einen speziellen Bereich oder eine spezielle Zielgruppe entwickelt. Man sollte deshalb sicherstellen, dass man diese Schriften nicht zweckentfremdet und womöglich unbewusst die falsche Wirkung beim Betrachter hinterlässt.

Zur Veranschaulichung - Die unten dargestellten Schriften stehen beispielhaft für bestimmte Werte, Branchen oder ein spezielles Image:

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zu 1. - Schriftart: Playbill = Cowboy, Western
zu 2. - Schriftart: Times = Zeitung, Seriös, Printbereich (wegen ihren starken Serifen)
zu 3. - Schriftart: Rockwell = solideres Schriftbild, harte Serifen, eher modern und wegen einheitlicher Strichstärke auf für digitale Medien einsetzbar

Schriftarten Segeo oder DIN: Technische Dokumentation, stark geometrisch dadurch sehr zeitlos

11. Die Wahl der Schriftgröße - Und es kommt doch auf die Größe an

Wie schon bei den Schriftarten ist es auch bei der Variation der Schriftgröße sehr wichtig schlicht zu arbeiten. Werden beispielsweise 3 verschiedene Schriftarten mit je 3 verschiedenen Schriftgrößen kombiniert, herrscht schnell ein heilloses Durcheinander - es sind keine klare Zusammenhänge zu erkennen.

Werden verschiedene Schriftarten miteinander kombiniert, sollte man darüber hinaus auf eine einheitliche optische Größe achten. Setzt man beispielsweise eine Baskerville neben eine Arial, so muss beispielsweise für eine gute optische Wirkung die Schriftgröße der Arial reduziert werden.

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Beispiel 'einheitliche optische Schriftgröße'

Deshalb ist es von großer Bedeutung mit Bedacht an die Vergabe von Schriftgrößen heranzugehen. Das folgende Beispiel zeigt erst ein bewusst falsch gestaltetes Layout mit viel zu vielen verschiedenen Schriftgrößen und falschen Einschüben wie Zitat und Infoblock. Im rechten Block sind diese Fehler behoben und ansprechend umgearbeitet.

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Guter (rechts) und schlechter (links) Einsatz von Schriftgrößen

Weitere Überlegungen bei der richtigen Wahl der Schriftgröße ist das Einbeziehen des verwendeten Mediums, sowie die Lesbarkeit und die jeweils angesprochene Zielgruppe. So ist die Schriftgröße auf einem Plakat verständlicherweise größer zu wählen als bei einem Buch.

Auch verschiedene Zielgruppen haben unterschiedliche Anforderungen an die Schriftgröße. Wichtig ist hierbei das eine zu jeder Zeit hohe Lesbarkeit gegeben ist. Ein für Senioren erstelltes Werbemittel wird sicherlich mit anderen Schriftgrößen arbeiten als die stylische Portfolio-Website eines Flashworkers.

Einige Grundregeln bei der Wahl der Schriftgröße:

  • Stets Barrierefreiheit, sprich ein optimales Maß an Lesbarkeit gewährleisten
  • Schriftgröße immer auf die Zielgruppe abstimmen
  • Je nach Medium die adäquate Schriftgröße wählen

Hier einige Kategorien an Schriftgrößen aus dem Printbereich:

  • Konsultationsgröße

Schriftgröße von 6 bis 8 pt - wird z.B. in Lexika, Telefonbüchern & Wörterbüchern verwendet, evtl. noch als Bildunterschriften. Allerdings ist der Einsatz kleiner Schriftgrößen mit Bedacht zu wählen, da sie schwer lesbar sind

  • Lesegröße

Schriftgröße von 9 bis 14 pt - Nutzt man in Zeitungen, Zeitschriften, Artikeln und Arbeiten. Diese Schriftgröße stellt in der Regel die optimale Größe dar um Texte zu erfassen

  • Schaugröße/Displaygröße

Schriftgröße ab 16 pt aufwärts - Für Plakate gilt der Richtwert Schriftgröße ab 60 pt aufwärts

Und hier einige Kategorien an Schriftgrößen im Bereich Web- und Screendesign:

  • Konsultationsgröße

Schriftgröße von 6 bis 8 px - Diese Schriftgröße wird vornehmlich in Form sogenannter Bitmap- bzw. Screenfonts genutzt und wird häufig innerhalb von Flashfilmen eingesetzt. Die meisten anderen Schriften sind im Internet in dieser Größe kaum lesbar

  • Lesegröße

Schriftgröße von 10 bis 14 px - Findet Verwendung bei normalen Fließtexten (Abhängig von der Schriftart)

  • Schaugröße/Displaygröße

Schriftgröße ab 15 px aufwärts - Sinnvoller Einsatz bei Überschriften und Sublines

12. Schriftauszeichnung - Was man beachten sollte

Schriftauszeichnungen sind eine Möglichkeit, Passagen innerhalb eines Textes gegenüber dem restlichen Text hervorzuheben. Dabei sollte man grundsätzlich beachten, mit Auszeichnungen sparsam umzugehen.

So werden entsprechende Textstellen gerne durch kursiv oder fett hervorgehoben, wobei man darauf achten sollte, dies auch richtig umzusetzen. Damit ist gemeint, dass man beispielsweise nicht die in vielen Programmen zur Verfügung stehende Funktionen für kursiv und bold nutzt, sondern die eigens von den Schriftentwicklern entsprechend integrierten Schriftschnitte (falls vorhanden) verwendet. Damit erzielt man weitaus bessere Ergebnisse, da der Schriftgestalter beispielsweise die Schnitte für Bold (fett), Semibold (halbfett) oder Oblique bzw. Italic (kursiv) ideal mit der Grundschrift abgestimmt hat.

In der Praxis gibt es verschiedene Arten von Auszeichnungen:

  • Die aktive Auszeichnung

Damit sind Text- bzw. Schriftauszeichnungen gemeint, die bereits schon ins Auge des Betrachters stechen, bevor das Auge überhaupt die jeweilige Textstelle erreicht hat. Aktive Auszeichnungen oder auch laute Auszeichnungen genannt, stellen dabei in der Regel die Hervorhebung durch fettere Schriftstile bzw. Schriftschnitte, Versalien oder andere Schriftarten dar.

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Auszeichnung durch fetten Schriftstil
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Auszeichnung durch eine weitere Schriftart
  • Die integrierte Auszeichnung

Eine integrierte Auszeichnung wird vom Leser erst dann bemerkt, wenn dieser die entsprechende Textstelle erreicht. Deshalb wird diese Form der Auszeichnung auch leise Auszeichnung genannt und mit strichgleichen Schriftschnitten innerhalb einer Schriftfamilie z.B. durch Kapitälchen oder dem Kursiv-Stil umgesetzt.

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Leise Auszeichnung durch kursiven Schriftschnitt
  • Die negative Auszeichnung

Eine eher selten verwendete Form der Auszeichnung ist die negative Auszeichnung. Dabei wird in einem bold gesetzten Text, das hervorzuhebende Wort oder der entsprechende Textabschnitt in einem mageren Schrift-Stil gesetzt. So findet sozusagen die Auszeichnung konträr zu der üblichen Erwartungshaltung statt.

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Beispiel einer negativen Auszeichnung

Weitere Möglichkeiten der Auszeichnung sind:

  • Die Farbauszeichnung

Hervorzuhebender Text wird durch den Einsatz einer zweiten Farbe erreicht.

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Einsatz einer zweiten Farbe zur Auszeichnung
  • Die gesperrte Auszeichnung

Beschreibt die Auszeichnung von Text mittels Sperren (Vergrößerung der Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben) durch Leerzeichen. Ermöglicht beispielsweise das dezente Auszeichnen von Text und eignet sich besonders, wenn die Auszeichnung in Ermangelung anderer Schriftstile wie bold oder kursiv nicht möglich ist.

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Dezente Auszeichnung durch das Sperren von Buchstaben

Und hier noch einige Hinweise bezüglich Schriftauszeichnung:

  • Kursive Schrift ist im Web schwer lesbar, daher eher bold nutzen
  • Wenn man kursiv im Web einsetzen möchte, dann nur bei sehr großen Schriftgrößen
  • Im Print-Bereich: mit kursiv oder Sperren ist die zurückhaltendere Auszeichnung von Text möglich
  • Unterstreichen ist wirklich nur dann sinnvoll und akzeptabel wenn andere Möglichkeiten der Auszeichnung nicht gegeben sind
  • Versalien und Kapitälchen eignen sich zur Hervorhebung von wichtigen Wörtern oder kürzeren Textpassagen - längere Textabschnitte sollte man aber mit diesen Arten der Auszeichnung nicht hervorheben, da dies zu schlechter Lesbarkeit führt
  • Einsatz von verschiedenen Schriftarten zur Unterscheidung bzw. Hervorhebung einzelner Absätze. Diese Art der Auszeichnung sollte man jedoch nur sehr sparsam und gut abgestimmt einsetzen, da ansonsten die Lesbarkeit leidet.

Fazit

In unserer Artikelserie haben wir nun insgesamt 12 Grundregeln guter Typografie kennengelernt. Beachtet man diese, so kann man mit relativ geringem Aufwand schnell ansprechende und professionelle Layouts gestalten. Doch Regeln sind auch immer da um gebrochen zu werden.

Es muss deshalb nicht stur auf die Einhaltung dieser Prinzipien gesetzt, sondern individuell auf die jeweilige Situation abgestimmt werden. Übertretungen der Grenzen oder gewollte Regelverletzungen erhöhen in bestimmten Fällen, dort wo es angebracht ist, die kreativen Möglichkeiten.

Artikelserie

Typografie: 12 wichtige Grundlagen für den richtigen Einsatz von Schriften - Teil 1

Typografie: 12 wichtige Grundlagen für den richtigen Einsatz von Schriften - Teil 2

Weitere typografische Grundbegriffe in der Übersicht

Neben den bereits in diesem Artikel angesprochenen Begriffen sollte man sich darüber hinaus noch einige weitere gebräuchliche Termini aus der Welt der Typografie genauer ansehen, von denen es nicht schaden kann, sie zumindest einmal gehört zu haben.

Wir haben dazu in in dieser Grafik einige Begrifflichkeiten bezogen auf die Bestandteile einer Schrift zusammengetragen.

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Kleine Übersicht typografischer Grundbegriffe
Über den Autor: Thomas Soyter
Leidenschaftlicher Web- / Screendesigner und Webentwickler mit langjähriger Erfahrung. Der Informationsdesigner (www.der-informationsdesigner.de) ist ein kreatives Büro für die Gestaltung und Umsetzung von Print- und Onlineprojekten.
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